Ein namenloser Held überlebt einen gigantischen Sturm auf hoher See und strandet auf einem ungewöhnlichem Eiland. Weder weiß er, wo er ist, noch was passiert ist. Hm. Das kommt uns doch irgendwie bekannt vor. Kein Wunder: Das Spiel stammt von den Gothic-Erfindern Pyranha Bytes, die nach dem großen Streit mit JoWood einen Neuanfang starten. Nun, darüber lässt sich streiten.
Wie gehabt
Gut, unser namenloser Alter Ego wacht am Strand auf, schnappt sich allerhand Gegenstände, eine notwendige Waffe und ein Schild. Wie aus den Gothic-Titeln haben wir auch in Risen glücklicherweise ein unbegrenztes Inventar. Das ist auch wichtig, da überall in der Welt massig Zeug herum liegt und auf einen neugiereigen Abenteuer wie uns wartet. Dann bemerken wir, dass wir nicht die einzigen Überlebenden sind. Sara, eine blinde Passagierin wie auch unser Held, ist ebenfalls unverletzt. Wir helfen ihr natürlich. Doch wer jetzt denkt, daraus entstünde eine ausgefeilte Handlung oder gar eine Liebesgeschichte, der kennt die Gothic-Reihe nicht. Schon bald finden wir heraus, was auf der Insel vor sich geht. Die Inquistition hat sich auf dem Eiland niedergelassen, um aus den plötzlich erschienenen Tempelanlagen Gold zu scheffeln. Die Banditenbande des Don Esteban haben sie aus der Hafenstadt vertrieben und in den Sumpf gedrängt. Von dort aus plant der Boss einen erneuten Machtwechsel. Mittendrin stecken wir. Für eine Fraktion müssen wir uns schließlich entscheiden. Das ändert nichts an der Geschichte, wohl aber an unserer Spielweise.
Die magische Drei
Entweder lassen wir uns als Kämpfer, Magier oder ein Zwischending ausbilden. Das kennen wir ebenfalls aus der Gothic-Trilogie. Im Grunde sind also nur Banditen und Magier, sprich Inquistion interessant für die Geschichte. Im Laufe der vier Akte von Risen erfahren wir auch, weshalb der Inquisitor höchstpersönlich in eine der letzten Enklaven der Menschen gereist ist. Bis auf die Entscheidung, wem wir uns im ersten Akt anschließen, bietet das Spiel trotz frei begehbarer Spielwelt keine großen Entscheidungsfreiheiten.
Kleinere Welt
Nach dem Debakel Gothic 3 besinnt sich der Entwickler wieder seiner Stärken, also den ersten beiden Teilen der Trilogie. Die Spielwelt ist in etwa so groß wie die Halbinsel Khorinis aus Teil 2, dadurch wird das Spiel kompakter und verliert den roten Faden nicht aus dem Blickfeld. Zudem gibt es überall etwas zu entdecken. Die ohnehin nicht weiten Laufwege zwischen Banditenlager, Vulkanfestung und Hafenstadt werden im späteren Verlauf durch Teleportsteine noch verkürzt, die Welt um Tempelanlagen unter Tage noch erweitert. Diese Areale unter der Erdoberfläche sind dann tatsächlich mal etwas Neues. Im Vergleich zum Rest der Spielwelt sind die aber weniger abwechslungsreich. Dort lauern stärkere Gegner und tödliche Fallen. Schalterrätsel lockern die übrige Spielmechanik auf, werden durch ständige Wiederholungen aber bald zur Nervenprobe. Während die Kämpfe auch ohne Zauber allesamt zu bewältigen sind, braucht auch ein nicht magisch ausgebildeter Bandit in den Tempeln Zauber. Dank Spruchrollen verwandelt sich auch ein Kämpfer in einen Nautilus, schwebt über Stachel- und Feuerfallen hinweg und bewegt nicht erreichbare Schalter mit Telekinese.
Öde Story
Die Geschichte von Risen ist wie schon in den Gothic-Spielen nicht sehr innovativ. Der Storytwist wird schon lange vorher erahnt und wirklich spannend ist die Handlung im Grunde nicht. Aber Risen macht diese Schwächen vergessen. Der Entwickler versteht es wie kein anderer, Storyschwächen zu kaschieren. Die Welt ist mal wieder unglaublich authentisch, lebendig und schmutzig. Das alles kennen wir bereits, aber das kann Pyranha Bytes eben auch gut. Der Held ist zwar nicht so sympathisch wie der Gothic-Haudegen, aber genauso wenig um einen lockeren Spruch verlegen. Risens größte Stärken sind jedoch die Nebenquests. Die sind zahlreich und an fast jeder Ecke zu erhalten. Zwar gibt es auch hier zahlreiche “Töte soundsoviele Monster”, “Bringe mir Pflanzen”-Aufträge, die sind aber oft durch kleine Geschichten schmackhaft verpackt. Außerdem belohnt uns das Spiel mit massig Erfahrungspunkten, die rollenspieltypisch das wichtigste Gut sind.
Rollenspiel light
Mit Dragon Age oder gar Drakensang kann sich Risen vom Charakterausbau nicht messen. Doch das simplere und entschlackte Gerüst bietet auch Neueinsteigern eine Chance, sich einzuarbeiten. Das A und O in Risen heißt jedoch Spezialisierung. Entweder wird man zum starken Schwert- oder Axtkämpfer, zum Bogen- oder Armbrustschützen oder zum Magier. Verschiedene Fähigkeiten wie Schmieden, Alchemie oder Tiere Ausweide sind mindestens genauso wichtig wie die Waffenkenntnisse, da auch Gold gerade in der ersten Spielhälfte knapp ist. Denn Trainer verlangen neben Erfahrungspunkten auch eine Menge Gold. Zum Ende hin finden wir aber genug Gegenstände, schmieden teure Waffen oder bestehlen reiche Bewohner in der Hafenstadt, sodass ein adäquates Zahluungsmittel keine Probleme mehr darstellt.
Wildschweine!!!
Nein, keine Angst. Zum Einen gibt es in Risen bloß “Keiler”, aber auch die sind wie in Gothic 3 anfangs nicht zu unterschätzen. Wilde Tiere weichen oft zurück, greifen schlagartig und schnell an, sind aber nicht solche Spaßverderber wie noch im inoffiziellen Vorgänger. Das Kampfsystem wurde sanft aber spürbar bearbeitet. Mit der linken Maustaste und diversem Richtungstastendruck reihen wir Schläge aneinander. Mit gedrückter rechten Maustaste blocken wir unsere Feindesattacken ab oder leiten mit einem kurzen Tastendruck einen Konter ein. Wichtig ist im Kampf oftmals das richtige Timing und auch eine Brise Glück. Denn jeder Kampf läuft anders ab: Wer also gegen ein Rudel Wölfe stirbt, kann es nach einem (erfreulich kurzem) Laden ruhig ein weiteres Mal in den Kampf stürzen. Das nervt manchmal, gleicht sich über die gesamte Spielzeit aber aus. Magier werden es im späteren Spielverlauf deutlich einfacher haben, da die Gegner größer, stärker und zahlreicher werden. Aber keine Angst, auch Schwerkämpfer können das Spielende locker erreichen.
Risen hat keine starke Handlung, die hatte auch Gothic nicht. Risen hat eine relativ kleine Spielwelt, etwa so groß wie der zweite Gothic-Teil. Risen hat auch wieder einen sympathischen Helden. Diese Nähe zu Gothic 1 und 2 erklärt bereits, warum ich das Spiel nicht beenden wollte. Diese Spielwelt macht einfach süchtig. Egal ob ich noch einen Trank brauen will, der meine Stärke noch höher steigen lässt oder einen weiteren Tempel plündern will. Ob ich nun die Haupthandlung weiterverfolge oder mich in eine Nebenquest stürze. Risen macht einfach Spaß. Das einzige was mir im Vergleich zu Gohtic fehlt, sind interessante Nebenfiguren. Personen wie Diego und Lares gibt es schlicht nicht, demnach ist man auch viel mehr alleine unterwegs. Schade, das hätte das Spielerlebnis noch intensiver gestalten können. Dennoch ist Risen seit Gothic 2 das erste Rollenspiel, das mich wirklich fesseln konnte – und ich freue mich schon auf den nächsten Teil dieser neuen Reihe. Tja, das Ende erinnert eben auch an Gothic…

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