Spoilerwarnung: Wenn euch das Buch hier wirklich interessiert und ihr es noch lesen wollt, dann wartet doch noch ein bisschen mit diesem Text, denn ich konnte es mir einfach nicht verkneifen, das Ende vorwegzunehmen.
Ich muss ehrlich sein, ich habe nie Shakespeares „Hamlet“ gelesen. Vielleicht hätte ich mehr Spaß an Nachricht von Dad gehabt, hätte ich es gelesen. Immerhin reicht mein Wissen über das alte Drama aus, um einige Parallelen zu entdecken.
Hauptfigur ist der elfjährige Philip Noble, dessen Vater vor kurzem bei einem Autounfall umkam. Allerdings erzählt er seinem Sohn – in Form eines Geistes – eine andere Geschichte: Sein Bruder Alan, also Philips Onkel, habe die Bremsen sabotiert, um Philips Mutter heiraten zu können. Der Vater ist nun als Geist in den Schrecken gefangen, da er ermordet wurde. Erlösung kann er nur finden, wenn er bis zu seinem Geburtstag gerächt wird. Und da nur Philip seinen Geist sehen kann, bedeutet das: Der Sohn muss den Onkel töten. Ansonsten wird er für immer und ewig in den Schrecken gefangen bleiben, was wohl sehr schmerzhaft ist.
So stellt Philip viele dumme Sachen an, er klaut auf einem Schulausflug einen Bus und fährt ihn zu Schrott, bringt anstatt seinen Onkel den Vater seiner Freundin Leah (die Figur der Ophelia) um und er redet mit dem Geist seines Vaters, den außer ihm niemand sehen kann. Im Klartext: Philip wird für verrückt gehalten.
Enden tut Nachricht von Dad nicht wie das Vorbild mit dem Tod so ziemlich aller, sondern mit der Einsicht, dass sich Philip alles nur eingebildet hat. Der Verdacht, dass Freunde seines Onkels den Pub seines Vaters verwüstet haben, offenbaren sich als falsch ebenso wie die Anschuldigung, dass er Philips Fische getötet habe und der Junge merkt spätestens, als Alan ihm das Leben rettet und dabei sein eigenes riskiert, dass sein Onkel nicht böse ist und auch weder ihn noch seine Mutter umbringen will, wie es die Illusion seines Vaters prophezeit hatte. So zeichnet der Roman das Bild eines Jungen, der mit dem Tod des Vaters nicht klar kommt, sich aber am Ende doch damit abfindet. Dies zeigt sich im Hass, dass seine Mutter schon wenige Monate nach dem Tod ihres Mannes den Bruder ebenjenes heiraten will und dem Verlangen, diese Person, die das Andenken an eine geliebte Person zu schänden droht, aus dem Weg zu räumen.
Matt Haig, der Autor des Romans, erzählte in seinem Debüt, Für immer, eurer Prince, das Leben von Henry IV aus der Sicht des Labradors Prince, der zwischen zwei Welten und einer Entscheidung hin und her gerissen ist. Hier ist es die Figur des Philip Noble, aus deren Perspektive wir die Handlung verfolgen und der einerseits seinen Vater rächen und somit erlösen will (bzw. von dem Tod seines Vaters schwer getroffen ist und Schwierigkeiten hat ihn zu verarbeiten), aber andererseits ein normales Leben eines Kindes führen will, was sich besonders in der Beziehung zu Leah zeigt.
Das größte Problem an Nachricht von Dad ist die gewählte Erzählform, nämlich der infantile Ich-Erzähler. In manchen Momenten wird der Leser mit purer Naivität bombadiert, in anderen Abschnitten muss uns Haig mit sturen Wiederholungen unbedingt vor’s Auge führen, dass wir hier ein Kind vor uns haben, um uns in anderen Szenen einen eiskalt, analysierenden Noble zu präsentieren, der den Geschlechtsakt zwischen seiner Mutter und dem Onkel belauscht. Diese unausgewogene Weise des Erzählens stört über den gesamten Roman hinweg und trübt den ansonsten guten Plot, der beeindrucken kann. Und das auch ganz ohne die Abhängigkeit von der Vorlage „Hamlet“, die Haig mit dem Ende gekonnt zu seinem Zwecke ausnutzt und sein Werk nicht zu einem Plagiat verkommen lässt.
Nachricht von Dad (Dead Fathers Club); Matt Haig; Goldmann Verlag, 8,95 €

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