24
Sep
08

Rausgekramt: Fahrenheit

Was würdest Du tun, wenn Du in einer sehr kalten Winternacht über einer Leiche sitzt? Es kommt noch härter. Wie würdest Du dich fühlen, wenn Du merkst, dass Du noch die Tatwaffe in der Hand hälst, von Blut überströmt bist, und allmählich realisierst: Du bist ein Mörder!

Warum gibt es keine Damentoilette?

Lucas Kane muss sich alle diese Fragen stellen. Denn er steckt zu Beginn des Action-Adventures Fahrenheit in eben dieser Situation. In der Herrentoilette eines New Yorkers Restaurant hat er einen ihm völlig fremden Mann ohne Grund erstochen. Warum sollte er das tun? Die Antwort auf diese Frage will er um jeden Preis herausfinden. Hinzu kommen Visionen, die ihn seit dem Mord verfolgen, denen er ebenfalls auf den Grund gehen möchte. Nur eines weiß er: Er muss verschwinden, bevor die Polizei alarmiert wird. Aber auch er hat keine Ahnung, wo die weiblichen Gäste  aufs Klo gehen können…

Mit ein, zwei Schlenkern ist die Lache bald Geschichte

Kalter Kaffee

Als erstes muss Lucas möglichst viele Spuren verwischen. Dabei greifen wir ihm unter die Arme, oder präziser wir greifen mit seinen Armen. Mit der Maus, oder einem Analogstick müssen wir nämlich die Aktionen von Lucas steuern, was anfangs sehr gewöhnungsbedürftig ist. Nach einigen Schlenkern mit der Maus hat Lucas dank unserer helfenden Hand die Leiche in eine Kabine gezogen, mit einem Mopp Blut vom Boden weggewischt, sich sauber gemacht und die Tatwaffe versteckt. Danach geht er noch einmal ruhig an seinen Tisch, bezahlt seine Rechnung und verlässt das Restaurant, um draußen in der U-Bahnstation den nächsten Zug nach Hause zu erwischen. Das ist auch bitter nötig, denn schon bald ist die Polizei alamiert. Carla Valenti und Tyler Miles führen die Ermittlungen. Nach einigen Untersuchungen finden sie Blutspuren, ein Buch, die Tatwaffe und werfen eine Menge fragen auf. Zum Beispiel, warum der Mörder einen Kaffee zusätztlich zu seiner Cola bestellt hat und der nicht auf der Rechnung steht. Doch das ist für einige Spieler ja schon kalter Kaffee…

Kanten und Ecken…

Die hat Fahrenheit zur Genüge. Schon beim Erscheinen war die Grafik veraltet. Doch die Animationen lassen uns da gerne drüber wegsehen. Nur die Steuerung, die ist verkorkst. Ein Adventure mit Pfeiltasten oder Gamepad zu steuern ist von Grund auf falsch! Andauernd laufen wir mit Lucas gegen Ecken, Kanten und Wände. Tja, nicht immer gehts mit dem Kopf durch die Wand. Das merken wir auch in den zahlreichen Zwischensequenzen in Spielgrafik. Die müssen wir nämlich am Laufen halten, indem wir bestimmte Tasten drücken. Das kann man als störend bezeichnen, weil man dadurch viele der Animationen nicht zur Kenntnis nehmen kann, oder klasse finden, weil wenigsten dabei ein spielerischer Aspekt auftaucht.

Carla und Tyler boxen gerne mal in der Pause, per Tastendruck halten wir den Kampf am Laufen

NYPD ermittelt

Hört sich an wie eine schlechte Sat1-Serie, ist im Spiel aber ein wichtiger Anteil der Geschichte. Denn immer wieder wechseln wir zwischen den drei Hauptfiguren hin und her. Zuerst scheint Lucas den Polizisten immer einen Schritt voraus, egal was für Fortschritte Carla und Tyler auch machen. Aber irgendwann kreuzen sich die Handlungsstränge natürlich. Das ist den Kombinationskünsten von Carla und Tyler zu verdanken. Die beiden ergänzen sich in allen Bereichen. Während Carla besonders auf Kleinigkeiten achtet, schaut Tyler auf die Dinge, wie sie sind. So schaffen sie es, Tathergänge zu erklären und zu rekonstruieren. Dabei lernen wir einige interessante Hintergrundgeschichten über die Ermittler kennen. Carla zum Beispiel, ist voll mit ihrem Job verbunden, was auf Kosten ihres Privatlebens als Single geht. Tyler hingegen muss sich des Öfteren in einem Disput gegen seine Freundin behaupten, die ganz und gar nicht mit seinem Beruf zufrieden ist. Sie wünscht sich ein ruhigeres Leben, ohne Angst um ihren Freund. Doch auch der etwas lockerere Partner von Carla versteht sich voll und ganz mit kriminalistischen Vorgehensweisen.

Spielfilm

Denn Fahrenheit ist genau das. Ein Spielfilm im wahrsten Sinne des Wortes. Keine Frage. Das Spielen an sich kommt zu kurz. Ein bisschen Laufen und ein paar Minigames durch simples Tastendrücken, das wars im Großen und Ganzen.   Typische Rätselelemente fehlen größtenteils. Zumindest sind die nicht sehr innovativ. Was ebenfalls an einen Film erinnert, ist die Aufmachung des Ganzen. Die Charaktere sind toll bis ins kleinste Detail herausgearbeitet. Man fühlt mit Lucas, Carla und Tyler in jeder Situation mit. Durch die spannende Geschichte werden wir ans Spiel gefesselt, wir wollen Antworten: Wie geht es weiter? Gibt es in dieser Welt auch Damentoiletten?

Fahrenheit ist ein Meilenstein der Videospielgeschichte? Ja und nein. Die Geschichte ist bisher einmalig . So etwas gab es bisher in noch keinem anderen Spiel. Jeder der drei Protagonisten hat noch einmal seine eigene Lebensgeschichte zu erzählen, die  mir wirklich gut gefallen haben. Das spielerische kommt bei all der Erzählerei ein wenig zu kurz, die Freiheit beim Interagieren in verschiedenen Situationen ist nur zu Beginn möglich. Aber hey, dafür sind die Dialoge und Sprecher erste Sahne (zumindest in der englischen Sprachversion). Über die deutsche Synchronisation muss nicht lannge geschrieben werden, die ist furchtbar. Die Quick-Time-Events haben mir ebenfalls gut gefallen, ansonsten wäre auch nicht mehr viel zu tun gewesen. Immer in Erinnerungen bleiben wird die Szene, in der Lucas’ Wohnung auseinandergenommen wird und er am Ende mit einem Arm noch von seinem Balkon hängt. Ob er dieser Situation entkommt, liegt an euch. Und wenn ihr ein Damenklo finden solltet, schreibt mir doch bitte.


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